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Angst fühlen leicht(er) gemacht

Wieso sollte ich das wollen?, stellt sich die Frage. Nun, wir alle spüren irgendwann in unserem Leben Angst. Aber nur wenige scheinen zu wissen, wie damit umzugehen. Angst zu fühlen - oder mit ihr zu arbeiten, so ass sie keine Macht mehr über unser Leben hat.

eine Holztreppe, die abwärts ins Nichts führt

Gefühle fühlen


Es ist eine allgemein anerkannte Tatschae, dass bestimme Emotionen einfach unangenehm sind. Sie zu haben, sie zu fühlen. Angst ist eine davon, wenn auch bei weitem nicht die einzige. Wie bei den meisten Dingen, die unangenehm sind, ist die erste Strategie im Umgang mit der Angst, die viele von uns anwenden, das Vermeiden oder das Unterdrücken.


Gewöhnlich durch Ablenkung, wie zum Beispiel Essen, Filme gucken, Drogen aller Art, Sex, Social Media oder die Nase in ein Buch stecken.


Wenn das nicht hilft - und das tut es in der Regel nicht, oder zumindest nicht für lange - kommt die zweite Strategie ins Spiel: Rationalisierung.


Diese Tendenz habe ich sowohl in mir selbst als auch bei Klienten beobachtet. Wenn Angst unterdrücken nicht funktioniert, dann muss sie wegrationalisiert werden.


Das läuft für gewöhnlich so ab, dass man sich innerlich ausführlich alle Argumente dafür vorhält, warum man keine Angst haben muss.


Hast du als Kind den Satz gehört: "Du musst doch keine Angst haben!"? Gemeint als Beruhigung, wenn du gerade Angst hattest. Vor einem großen Hund oder dem Donner. Begleitet von guten Gründen, warum du keine Angst haben musst (der tut nichts). Ja, ich auch. Hat er dir geholfen, keine Angst zu haben? Mir nicht. Wobei er geholfen hat war, in mir die Überzeugung entstehen zu lassen, dass mit mir etwas nicht stimmt: Warum habe ich Angst, wenn die Erwachsenen doch sagen, ich muss keine Angst haben? Sowie die Überzeugung, dass, wenn ich nur die richtigen Arguemente finde, und sie richtig anwende, ich keine Angst mehr habe.


Aber hat diese Strategie jemals wirklich funktioniert?


Nicht, dass ich es je bemerkt hätte. Und der Grund dafür ist sehr einfach:


Emotionen sind nicht rational.


Es ist so simpel und vielleicht auch offensichtlich. Aber zugleich auch so tiefgreifend und befreiend, wenn man diese Erkenntnis nicht nur auf der rationalen Ebene erfasst und weise den Kopf nickt, sondern sie wirklich verinnerlicht.


Emotionen sind nicht rational und keine Argumente der Welt helfen dabei, sie wegzumachen. Egal, wie sehr du dich anstrengst.


Und auch hier ist der Grund sehr einfach. Warum Argumente bei Angst nicht helfen:


Die mentale Ebene und die emotionale Ebene sind voneinander komplett verschieden und haben keine Überschneidungspunkte.


Da sind sie wie zwei komplett verschiedene Sprachen. Das heißt, mit den Emotionen zu argumentieren ist in etwa so, als würdest du auf russisch versuchen, mit jemandem zu sprechen, der nur Spanisch kann. Die Spanisch sprechende Person wird verstehen, dass eine Kommunikation stattfindet, aber nicht, was du versuchst, ihr zu vermitteln. Und so wird diese Person weiterhin das tun, was sie tut, so wie sie es versteht. Egal, wie laut du brüllst.


Und genau so reagiert die emotionale Ebene auf bestimmte Auslöser - wie Situationen oder Personen, die dir Angst machen - eben in der Weise, wie sie es versteht. Egal, wie laut du brüllst.


In anderen Worten, zu versuchen, sich der emotionalen Ebene über die Verstandesebene zu nähern, wird nicht aufgehen, da sie zwei verschiedene Erfahrungsebenen in dir sind. Das macht die eine nicht besser oder wichtiger als die andere. Beide sind wichtig und haben ihre Berechtigung - und ihren Zweck.


Eine Annäherung an Emotionen kann daher nur über die emotionale Ebene erfolgreich sein.


Aber wie macht man das?


Lass die Geschichte der Angst los


Lass uns etwas ausprobieren. Setze dich bequem hin und atme ein paar Mal tief durch. Und dann denke an eine Situation oder eine Person, die dir Angst macht.


Bleibe präsent und weiche nicht zurück, während die Angst sich in die aufbaut. Ich weiß, das ist nicht leicht. Atme weiter und erlaube dir, diese Erfahrung zu haben. Lasse die erste Welle über dich hinwegströhmen und dann spüre nach, was du auf der körperlichen Ebene wahrnimmst.


Wo sitzen die Empfindungen? Im Bauch, im Herzen? Wie fühlen sie sich an?


Richte dein Bewusstsein auf die Empfindungen. Wenn sie schwächer werden, kehre zu deiner Angstsituation zurück, bis sie wiederkommen. Achte dabei darauf, dich nicht in der Situation zu verlieren.


Sind die Empfindungen klar spürbar?


Wunderbar. Dann lasse jetzt die Situation oder die Person - die Geschichte deiner Angst - los.


Stell sie beiseite. Einfach, um mal auszuprobieren, wie es ist.


Keine Sorge, sie wird am Ende unseres Experiments immer noch da sein. Wenn du das willst.


Nachdem die Geschichte nun in den Hintergrund gerückt ist, was sind die Empfindungen in deinem Inneren? Wie fühlt es sich jetzt an. Bemerkst du eine Veränderung?


Mit ziemliecher Wahrscheinlichkeit sind die Empfindungen immer noch sehr unangenehm, aber weitaus weniger quälend als zuvor.


Und genau das ist es, was wir verdrängen oder unterdrücken. Diese tatsächliche, körperliche Manifestierung von Angst. An und für sich ist sie zwar nicht besonders angenehm, aber so schrecklich auch nicht.


Nein, das, was wirklich quälend und erschütternd ist, ist die Geschichte der Angst. Das, was uns wirklich mitnimmt, sind nicht die Empfindungen, das Gefühl von Angst.


Lasse jetzt hier die Geschichte beiseite und arbeite mit dem Gefühl von Angst. Du weißt jetzt, wie es sich auf körperlicher Ebene anfühlt. Fühle es. Beobachte es. Lege eine Karteikarte darüber an. Und dann finde deinen Weg, diese Empfindungen auszudrücken - in Bewegungen oder in Lauten (schreien ist unglaublich kathartisch), in Musik oder im geschriebenen Wort. Wie auch immer es sich für dich richtig anfühlt.


Und dann, im und durch den Ausdrück, finde deinen Weg, diese Empfindungen anzunehmen. Sie fühlen sich nicht gut an, sicher. Aber das ist ihr Ausmaß. Es ist okay, sich unbehaglich zu fühlen. Je weniger du versuchst, diese Empfindungen wegzuschieben, desto weniger unbehaglich werden sie sein.


Wenn du dabei am Ball bleibst - im Gefühl, im Ausdruck, im Annehmen der Empfindungen - wirst du an einen Punkt kommen, an dem die Empfindungen ihre Bedeutung verlieren. Sie sind nicht länger unangnehem, sind nicht gut oder schlecht - sie sind einach nur. Und sie können einfach sein, ohne dass du länger versuchst, sie loszuwerden.


Und so, auf diese Art, kannst du Angst nicht nur haben, sondern fühlen. So kannst du mit ihr arbeiten - und sie lösen.


Glückwunsch! Du hast gerade die Angst gemeistert.


Du kannst jetzt zur Geschichte deiner Angst zurückkehren und sie dir wiederholen. Wenn du das möchtest. Sie wird von nun an ohnehin sehr viel weniger Macht über dein Leben haben.



(ursprünglich veröffentlicht am 06.12.2021)


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